Seit ca. 9 Monaten bin ich jetzt schon im Praktikum in einer Suchtberatungsstelle für legale Drogen (Alkohol, Medikamente, Rauchen,… ). Dieses Praktikum ist in das Studium integriert, d.h. ich habe begleitende Vorlesungen und bin für einen halben Tag in der Woche in der Beratungsstelle.
Nachdem nun heute mein letzter Tag in der Praxis ist, dachte ist, es ist an der Zeit ein kurzes Zwischenfazit zu ziehen:
Mir hat das Praktikum im Großen und Ganzen sehr viel Spaß gemacht und auch sehr viel gebracht. Ich fand es wahnsinnig interessant diesen Arbeitszweig kennen zu lernen. Ich selbst habe meine ganze Einstellung zum Thema Alkohol komplett verändert. Ich glaube das geht auch gar nicht anders: Wenn du die ganze Zeit Menschen und Schicksale erfährst und mitbekommst, wie der Alkohol sie und die Familien zerstört hat, dann denkst du ganz anders darüber.
Ich merke auch, wie es mir immer schwerer fällt bei Freunden zu akzeptieren wieviel Alkohol sie trinken. Das liegt daran, dass ich jetzt weiß wieviel Alkohol am Tag unschädlich ist und dass ich weiß, wie schleichend und schlimm die Alkoholerkrankung ist. Mag sein, dass ich damit auf viele nervend wirke oder sie das als wahnsinnig anstrengend empfinden, zu hören, dass man zu viel trinkt, aber ich kann das auch gar nicht mehr anders mit meinem Gewissen vereinbaren.
Ich kann mich nicht mehr neben Menschen stellen, die jeden Abend Party feiern um 18 Uhr das erste Bier aufmachen und quasi 24/7 saufen. Das und will ich nicht mehr.
Nun stellt sich mir auch die Frage, ob ich später in diesem Bereich arbeiten könnte und ich glaube, dass die Antwort “nein” lautet. Ich kann im Moment, vielleicht auch nie, berufliches von privatem gut trennen. Das ging auf dem Jugendamt gut, weil ich nun mal keinen Fall von Kindeswohlgefährdung im Bekanntenkreis, das ging in der Sozialpädagogischenfamilienhilfe gut, weil ich auch keine 20-jährigen ALG2 Empfänger in der Familie habe die schon das 5. Kind haben. Aber Alkohol ist überall, gerade unter Studenten, so gegenwärtig, dass es mir schwer fällt nicht in jedem den nächsten Abhängigen zu sehen.
Ich denke, dass es ganz gut ist, dass ich diese Einstellung und Erkenntnise gewonnen habe. Aber ich denke, dass ich im Moment die professionelle Ebene zu sehr mit ins Private nehme, was sie dann natürlich weniger professionell macht. Versteht ihr wie ich das meine?
Natürlich habe ich auch das Gefühl, dass ich mich damit selbst “verarsche”. Im Sinne von, wenn ich nicht einmal in der Woche Alkis sehe und daran erinnert werde wie schlimm das sein, dass ich dann privat langsam vergessen wie das ausschaut und einen höheren Konsum tolerieren kann. So stelle ich mir das aber nicht vor. Ich möchte von meinen Werten und Vorstellungen, wie ich sie oben erläutert habe, nicht abweichen.
Puh, schwer. Mal schauen, was ich nachher in Kurzform darauf antworten werde, wenn man mich in der Beratungsstelle danach fragt…
Definitiv habe ich viel gelernt. Über Menschen, Schicksale, das Thema Alkohol und Sucht. Viel mehr wahrscheinlich noch. Ich denke es ist auch ganz gut, dass das Praktikum nun endet und ich mich auch wieder verstärkt anderen Dingen widmen kann. Auch anderen Bereichen, die ich mich in der Sozialen Arbeit interessieren. Und vielleicht komme ich dann ja doch irgendwann in die Suchtberatung zurück. Wer weiß. 



Ich glaube du hast den Sinn eines Praktikums gut erkannt. Viele glauben,d ass es eine Schande ist, nach dem Praktikum zu denken, dass es doch nicht das richtige für einen ist. Aber ein Praktikum ist eben dazu da, um herauszufinden, OB es gut ist. Also kann es auch einfach der falsche Weg sein und man kann froh sein, dass man das frühzeitig herausfinden konnte.
Ich glaube ich hätte das gleiche Problem wie du: Ich könnte auch nich das Berufliche vom Privaten trennen. Stell ich mir wirklich sehr schwer vor und Hut ab vor denen, die den Job täglich durchführen.
Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, was es bei Sozialer Arbeit noch für Bereiche gibt als Jugendamt und Suchtklinik o.ä.! Kenn mich da gar nicht aus! Wäre mal interessant zu wissen!
Ich stimme da Sonja voll und ganz zu. Und hm, ich bin auch oft der Meinung, dass viele zu viel trinken. Also Menschen in unserem Alter. Aber naja.
Und Sonja, in der sozialen Arbeit gibt es z.B. noch die Betreuung von psychisch Kranken, das hat meine Mutter gemacht.
@Sonja: Ja, diesen Apsekt eines Praktikums vergessen die meisten.
Also was gibts in der Soziale Arbeit: Es gibt das Jugendamt. Dann arbeitet das JA ja nach dem SGB8 und da steht ja ein Aufgabenkatalog drin, der irgendwer erfüllen muss, also die Sozialpädagogische Familienhilfe, Erziehungsbeistandschaft, Betreutes Wohnen, Heim, etc. All das wird von Sozialarbeitern gemacht.
Dann die Sucht, Alkohol und Drogen – Kliniken, Adaption, Beratung, Therapie etc.
Offene Jugendarbeit, Arbeit mit Senioren, Im Heim oder als Angebot irgendwo.
Schulsozialarbeit, wie es der Name schon sagt.
Beratungsstellen. Schuldnerberatungsstellen.
Dann Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit, im Sinne von den Menschen die unter ALG2 leben helfen oder eben auf dem Amt und sozialadministrativ arbeiten.
Joah und vieles vieles mehr
Und auch wie @Maren sagt: Die Arbeit mit Psychisch kranken.
Ah da fällt mir noch mehr ein: Jugendgerichtshilfe, Gerichtshilfe, Bewährungshilfe, im Gefängnis. usw.
Ich find den Blogeintrag sehr gut geschrieben, muss ich sagen. All das, was du erklärst, in welchen Zusammenhängen du es schreibst und womit du sie begründest, kann ich bestens nachvollziehen.
Mir würde es nicht anders als dir gehen!
Viele unterschätzen die legalen Drogen. Eine Studie hat letztens noch ergeben dass mehr Leute an an legael Drogen sterben, als an illegalen!
Sehr guter Artikel.
Ich habe selbst einige Jahre mit einer Alkoholikerin zusammen gelebt, war gar mit ihr verheiratet. Das Schlimme an dieser Krankheit ist, dass man als Aussenstehender einfach nicht an die Opfer rankommt. Helfen scheint unmöglich zu sein, jedenfalls solange der Süchtige seine Situation nicht erkennt und bereit ist, Hilfe an zu nehmen.
Die Beleidigungen, Beschimpfungen und Erniedrigungen steckt man weg, die Ohnmacht und Hilflosigkeit nicht.
Ich kann Dein verändertes Verhalten sehr gut verstehen. Auch meine Sichtweise hat sich aufgrund dieser Erfahrung total geändert. Ich habe absolut nichts gegen das eine oder andere Glas, aber a) in Maßen und b) nicht regelmäßig.
@Meyeah: Ok, das is gut, wenn ichs verständlich erklären konnte.
@Christian Hallmann: Das stimmt. Alle schimpfen immer über die böse Drogen, während sie gerade ihr Bier leeren. Aber dass das eine viel aktuere Gefährdung ist, checken die wenigsten.
@pakami: Ohje, da hast du dann sicher auch richtig was mitgemacht. Da kann ichs dann auch gut verstehen, dass sich deine Sichtweise stark verändert hat.
Und a) in Maßen und b) nicht regelmäßig, kann ich nur so unterschreiben. Seh ich ganz genauso!